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Texte
Kritik der Esoterik
Kritik der Kleinfamilie

"Der derzeitige Siegeszug des „Neoliberalismus“[...], das Phantom „Alles ist möglich, frau muss nur wollen“, laufen wie am Schnürchen.
Die „Emanzipiertheit“ als korrumpierte ICH-AG greift um sich – und Frauen, denen (strukturelle) Gewalt widerfährt, sind schon wieder „selber schuld“. Und zwar ganz individuell.
Im Supermarkt der „Machbarkeit“ und Beliebigkeit ist wenig Platz für Solidarität.
Die Spaltung zwischen jenen, die meinen, es schon richten zu können und jenen, die übrig bleiben ist unübersehbar und für Frauen meiner Weltanschauung und Lebenserfahrung nur schwer zu ertragen."

(Aus fiber 08/2005 „Manchmal ist es verdammt hart, Feministin zu sein“)

 

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Skript der Veranstaltung Zur Kritik der Esoterik

Einleitung (5min)

Bevor wir beginnen: Wir sind keine Expertinnen auf dem Gebiet der Esoterik. Da gibt’s andere, die sich weitaus länger und intensiver mit dem Thema beschäftigt haben als wir. Dementsprechend sind auch die Diskussionen über Esoterik nicht neu, und inzwischen derart umfassend, dass wir nur einige Ausschnitte heute Abend beleuchten können.

Warum es sich trotzdem weiterhin und immer wieder lohnt, sich (auch als Laie) mit Esoterik und insbesondere mit der Kritik an Esoterik auseinander zu setzen hoffen wir im Folgenden etwas deutlich machen zu können. Als erster Grund für eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Esoterik zunächst einmal eine Feststellung: nämlich, dass Esoterik in all ihren Facetten sichtbarer und etablierter ist denn je. Der Esoterikmarkt boomt. [Bild 2] In fast jeder Stadt gibt es esoterische Buchläden, 15 % des jährlichen Gesamtumsatz des Buchhandels wird von esoterischer Literatur erwirtschaftet. In Arztpraxen finden sich neben den üblichen Klatschblättern inzwischen zahlreiche Broschüren über alternative Heilungsmethoden und/ oder spirituelle Heilserwartungen. Die Flugblätter, die vor allem in Ökoläden Leserinnen und Leser einladen, an meist überteuerten Kurse mit dem Ziel der Selbsterkenntnis teilzunehmen, scheinen integraler Bestandteil einer alternativen Kultur geworden zu sein. Esoterik wird von vielen Menschen angenommen. Ob das Einrichten der Wohnung nach FengShui, der Glaube an Amulette oder magische Steine, an UFO’s, kosmische Energien oder einfach die euphorische Beschäftigung mit Dingen die zum persönlichen Seelenheil führen – Esoterik wird von vielen Menschen akzeptiert und in viele Lebensbereichen integriert.

 

Beispiel Einstiegsdroge Astrologie:
erfuhr in den letzten Jahren starken Zuwaschs:
Mitte der 90er lasen 77% der Deutschen regelmäßig ihr Horoskop
(1977: 46% der deutschen Bevölkerung).

Dies führt zu der Frage danach, welche Funktion Esoterik eigentlich erfüllt. Der Grund für diese Akzeptanz liegt also scheinbar darin, dass Esoterik die Menschen als Individuen anspricht, ihren einzelnen Bedürfnissen entgegenkommt. Esoterik wird immer auf persönlicher Ebene verstanden und umgesetzt. Das Glück des Lebens, das Seelenheil, ein langes Leben – diese Dinge können angeblich mit esoterischen Mitteln erreicht werden, indem Jeder und Jede bei sich selbst mit der Veränderung beginnt.


[Bild 3: Lebensfreude durch Lichtenergie] Nun zum zweiten Grund, sich mit Esoterik kritisch auseinander zu setzen. Die Beschäftigung mit der persönlichen Entwicklung und Veränderung schafft ein falsches Bewusstsein für die Ursachen vermeintlich individueller Probleme. Die individuellen Auswege aus diesen Problemen sind in Wahrheit aber Reaktionen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Esoterik ist Teil und Ausdruck dieser Verhältnisse, und stellt zugleich die Lösung parat.

Das kapitalistische System in seiner extremen Ausformung der freien Marktwirtschaft und der Ideologie des Neoliberalismus stellt die Menschen vor enorme Herausforderungen. Die Teilnahme an dem großen Markt der Möglichkeiten bleibt letztlich nur wenigen vorbehalten, statt dessen stehen immer mehr Menschen vor prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen, die von ihnen eine immer größere Mobilität und Flexibilität verlangen.

Hinzu kommen weitere Faktoren: Da wird z.B. Islamphobie oder Antisemitismus gesellschaftlich gemainstreamt, und der von Huntington hervorbeschworene „clash of civilisations“ oder auch „Kampf der Kulturen“ erfährt eine ungeahnte Renaissance. Hinzu kommen außerdem die nicht abreißenden Umweltkatastrophen und die zunehmende Angst vor dem Klimakollaps und dem Ende der Menschheitsgeschichte überhaupt.

Die Folgen all dieser Dinge auf das Individuum sind: permanente Unsicherheit, sowie eine verstärkte Zukunftsangst. Die individuellen Auswege daraus sind vielfältig, jedoch: insbesondere esoterische Strömungen erhalten insbesondere Zulauf, da sie den Menschen ein sinnerfülltes Dasein in einem scheinbar sinnlosen Leben versprechen.

Ein letzter Grund sich kritisch mit Esoterik auseinander zu setzen ist ihre Nähe zu konservativem Gedankengut. [Bild 4] Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks, spätestens seit Anfang der 90er Jahre ist ein konservativer Backlash zu verzeichnen, der nicht nur das Erstarken des rechtsnationalen Lagers mit sich gebracht hat, sondern als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu betrachten ist. Dies wird insbesondere hierzulande deutlich: Die Konstruktion der neuen deutschen Identität mit Nationalbewusstsein à la „Du bist Deutschland“, dem sich Prominente sämtlicher politischer Lager anschließen, hat inzwischen die gesellschaftliche Mitte erreicht. Die Mittel der Ausgrenzung sogenannter Nicht-Deutscher, angefangen bei rassistischen Übergriffen, übers Zuwanderungsgesetz bis hin zum Antisemiten Ex-Möllemann, sind vielfältig wie nie zuvor.

Deutlich zeigt sich dieser neue Konservatismus auch in der Geschlechterdiskussion. „Gender Mainstreaming“ wird als das ultimative Konzept verkauft; die Wirren der Emanzipation scheinen endgültig überwunden. Verbliebene Wunden im patriarchalen Denken werden geheilt durch erneute geschlechtsspezifische Zuteilungen. Das Buch „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ war monatelang Bestseller in den USA. Das pseudowissenschaftliche Pendant in Deutschland wird durch Langenscheidts Mann-Deutsch oder Frau-Deutsch-Wörterbuch repräsentiert und unglaublich lustig gefunden. Ein Nein der Langenscheidt-Frau bedeutet darin „in Wirklichkeit“ ja- übertragen wir diese Definition auf eine mögliche Vergewaltigungsszene, können WIR nicht lachen, sondern müssen kotzen.

Was hat das nun mit Esoterik zu tun?

Die Betrachtung gesellschaftlicher Krisenzeit als Problem der Individuen ist ganz im Sinne konservativer Politik: statt gesellschaftskritisch zu handeln, findet ein Rückzug ins Private statt. Gesellschaftliche Gegebenheiten werden als solche hingenommen und reproduziert. Was zählt ist das eigene Wohlbefinden im System und nicht die Veränderung desselben. Esoterik bietet einen Fluchtweg aus den gesellschaftlichen und kapitalistischen Verhältnissen.

In diesem Kontext ist es auch wichtig, seinen Blick auf Jugendbewegungen und Subkulturen zu richten. [Bild 5] Jugendlicher Selbstfindungsprozess, Auflehnung gegen die Norm sowie Orientierung an einem bestimmten Lifestyle mischen sich z.B. im Heavy Metal, aber insbesondere auch im Dark Wave und in der Gothic Szene mit konservativen bis rechtsextremen Inhalten und Symbolen sowie mit esoterischen und vor allem romantischen Weltanschauungen. Die Übernahme zahlreicher heidnischer Elemente wie Runen oder Sommersonnwendfeiern in diesen Szenen geht dabei oft bis ins kulthafte. Aber auch viele sogenannte Alternative oder auch nicht wenige Hippies bedienen sich in ihrer gesellschaftskritischen Naturverbundenheit esoterischen Mitteln und Argumentationen. Zum Zusammenhang von Ökobewusstsein und Esoterik kommen wir später noch.

Bemerkenswert ist, dass sich nicht selten vermeintlich gesellschaftskritische Menschen und vor allem auch ehemals politisch aktive Menschen und Gruppen von esoterischen Inhalten angesprochen fühlen, wie sich u.a. am Werdegang einiger VertreterInnen der Grünen sehr schön sehen lässt. Damit wären wir nun langsam auch an dem Punkt, der in diesem Vortrag den Schwerpunkt bilden soll: die Linke. Neben der Erklärung dessen, was Esoterik ist und welche Funktion sie erfüllt, wollen wir heute der Frage nachgehen, wie es kommt, dass gerade vermeintlich Linke sich esoterischen Strömungen zuwenden. Exemplarisch werden wir deshalb zwei esoterische Bewegungen näher beleuchten, die oft auch im Kontext linker Politik auftauchen: die Öko-Bewegung und die esoterische Ausformung des Feminismus. Die esoterische Ideologie hat es sich zu eigen gemacht, ein breites Spektrum verschiedener Weltanschauungen abzudecken, so dass sich sowohl Linke als auch Konservative bis Rechtsextreme davon angesprochen fühlen. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, was –in einer These formuliert – wir heute Abend stark machen wollen: Nämlich, dass sich linke Politik und Esoterik (sowie sämtliche irrationale Weltanschauungen) ausschließen müssen.

Doch nun zunächst erst mal dazu, was Esoterik eigentlich ist.

2. Grundzüge der Esoterik (ca. 15min)

Begriffsklärung: Was bedeutet der Begriff, wo kommt er her?

Der Begriff „Esoterik“ leitet sich ab aus dem Griechischen esoterikón, was „nach innen gerichtet“ bedeutet. Er bezeichnet eine nach Innen gerichtete, geistige Geheimlehre, die sich mit Übersinnlichem, rational nicht Erfassbarem und Okkultem beschäftigt. Okkult kommt von lat: okkult „das Verborgene“. [Bild 6]

Die „moderne“ Esoterik bezieht viele Elemente aus der Romantik als geschichtlicher Epoche Anfang des 19.Jh. und kann historisch gesehen als schon damals ablehnende Antwort auf die aufkommende „Moderne“, Industrialisierung und Aufklärung gesehen werden. 1888 findet mit der Veröffentlichung von Helena Petrowna Blavatskys Buch „Die Geheimlehre“ dieses „Wissen“ massenhafte Verbreitung, was vorher in den Geheimlehren der verschiedenen Religionen, so auch der christlichen und vor allem indischen Mystik und damit nur Eingeweihten/ Auserwählten zugänglich war. Blavatsky (1831-1891) war die Gründerin der „Theosophical Society“, glaubte an eine „große weiße Bruderschaft“, der u.a. Krishna, Buddha und Jesus angehörten. Ihre Nachfolgerin (Anne Alice Bailey) ergänzte sie um weitere „Erleuchtete“ wie Bismarck, Mussolini, Hitler, Franco und Gandhi (der die „Mitgliedschaft“ aber vehement ablehnte).

Zentral sind bei den frühen EsoterikerInnen bzw. TheosophInnen der Glaube an Karma und die Wurzelrassentheorie: Nach der Wurzelrassentheorie lässt sich die gesamte Menschheitsgeschichte als eine Abfolge von sieben Menschenrassen beschreiben, welche wiederum in sieben Unterrassen gegliedert sind, die sich evolutionär ablösen, die höchste sind – wie sollte es anders sein: die Arier, ein Unfall der Evolution: Die Juden. [Bild 7] Die Theosophie verbreitete sich nahezu weltweit und ist für Deutschland die Vorgängerin der Anthroposophie von Rudolf Steiner (war Generalsekretär der dt. T. und spaltete sich aufgrund seiner christlichen Schwerpunktsetzung mit 90% der Mitglieder ab), durch die viele Grundlagen ihre Institutionalisierung und Verankerung in der Gesellschaft fanden und finden.

Um die Jahrhundertwende bis zur Gleichschaltung im NS bezogen sich verschiedenste Bewegungen und esoterische Glaubensrichtungen direkt oder indirekt auf Blavatskys Lehre. Zu nennen sind hier die Bewegung der „Lebensphilosophie“ als esoterisch-philosophische Denkrichtung des Kulturpessimismus, die Wandervogelbewegung [Bild 8], die Lebensreformbewegung (beide vor allem naturverbunden und romantisch mit klar antisemitischem, rassistischem und völkischem touch, die Wandervogelbewegung bezog sich vor allem auch auf den indischen „Heiligen“ Rabindranath Tagore) und natürlich die Ariosophie, deren Institutionalisierung in dem Armanen-Orden und der Thule-Gesellschaft [Bild 9] in relativ reiner Form durch den NS bis heute eindeutig esoterisch rechts gerichtet ist. Nicht wenige Führungsmitglieder der NSDAP hatten zwar Verbindungen zu esoterischen Gruppen oder Bewegungen oder waren selbst Mitglieder, doch war letztendlich jede Form von Religion Konkurrenz für die NS-Ideologie, so dass die Gruppen entweder direkt in der Hitlerjugend oder anderen NS-Institutionen aufgingen oder verboten wurden.

Inhalte

Betrachten wir noch mal die Übersetzung der Begriffe Esoterik und Okkult sind wir auch schon bei zwei wesentlichen Inhalten oder Merkmalen der Esoterik angelangt: Esoterik und Okkultismus als „nach Innen gerichtete“ Lehre entzieht sich ganz bewusst der rationalen Auseinandersetzung und Verhandlung , sie ist in ihrer Bedeutung nur ihrer „Anhängerschaft“ zugänglich. Ihr „Erlernen“ besteht darin, ihre Ideologieelemente durch Zeremonien und Rituale zu „erfahren“.

Diese Schwerpunktsetzung auf „Erfahrung“ und „Innen“ steht dem Rationalismus gegenüber. Irrationalismus erklärt auf diese oder jene Weise das wissenschaftliche Denken für unfähig, bestimmte Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Realität zu erkennen. Wissenschaft kann demnach durch Erkenntnisfunktionen wie „Intuition“, „Erleben“ oder „Wesensschau“ ersetzt werden. Wissenschaft hat in den Augen der EsoterikerInnen an Glaubwürdigkeit verloren, da sie unfähig ist, alles im Zusammenhang zu erklären.

Während der Irrationalismus als Wissenschaftskritik eine interne Reaktion auf die eigene Gesellschaft ist, hat die Esoterik aber auch gerne Elemente anderer Religionen und Kulturen übernommen und in unserem Kontext etabliert. Seit Blavatsky, vor WKII aber auch durch die Wandervögelbewegung, wurden viele Elemente anderer vermeintlich ursprünglich gebliebener Religionen und Kulturen übernommen. In der Übernahme fremder Religionspraktiken spiegelt sich die romantische Kulturkritik wider – das exotische gute Fremde, der edle Wilde -, die z.B. Buddha als das positiv Andere der als negativ empfundenen eigenen Kultur entgegenstellt.

Bei einem positiven Bezug auf die eigene Kultur, die nur durch die „Moderne“ verfremdet ist, ist das Gute natürlich bei den eigenen Ahnen zu suchen, also in vor-christlichen Kulturelementen. Grundlegend ist die Annahme, dass es sich hier um „altes Wissen“ handelt, dass in der „Moderne“ verloren gegangen ist und nicht mehr durch Logik oder Aufklärung sondern durch Erfahren und alte Meister wieder „erlernt“ bzw. v.a. erfahren werden kann. Im deutschen und rechten Kontext sind das vor allem sogenannte „heidnische“, d.h. keltische und germanische „re-konstruierte“ Symbole und Praktiken, oftmals aber fernöstliche,v.a. buddhistische/hinduistische Elemente, deren zentralste Punkte Wiedergeburt und Karmaglaube sind.

[Bild 10]:

„ (…) Karma ist die Summe unserer Handlungen, sowohl im gegenwärtigen Leben als auch in früheren Geburten. (…) . Du bist kein Geschöpf von Umgebung oder Umständen. Du bist der Architekt Deines Glücks. Du bist verantwortlich dafür, was Du erleidest.(…)Wohltätigkeit in Deinem vergangenen Leben, bringt Dir Reichtum im gegenwärtigen Leben. Dienst an der Menschheit in Deinem vergangenen Leben, macht Dich zum berühmten Führer im gegenwärtigen Leben.“

(Aus: "Göttliche Erkenntniss", von Swami Sivananda, einer Yoga-Seite im Internet).

Der Mensch ist demnach nicht das, was die Welt, seine Sozialisation, seine Stellung in der Gesellschaft aus ihm gemacht hat und womit er sich kritisch auseinandersetzen kann, sondern allein Produkt seiner eigenen Handlungen und Denkweisen, in welchem Leben auch immer. Wenn es dir schlecht geht, weil du deinen Job verloren hast, musst du nicht gegen das System ankämpfen sondern positiv denken und dir und der Welt gegenüber freundlich und gnädig sein. Es kommt nur darauf an, das Positive zu sehen, positiv zu denken, dann würde sich die Realität von selbst einrichten. [Bild 11] Es geht nicht um das Aushandeln von Konflikten, sondern um das Aussitzen. So kann der Rückzug vor allem junger Menschen aus der gesellschafts-politischen Verantwortung esoterisch begründet und legitimiert werden. Esoterik ist für die Existenzängste breiter Schichten der Bevölkerung eine passende Ideologie, die die empfundene Ohnmacht ertragbar scheinen lässt und sie sogar kultiviert. Der Glaube an schicksalhaft-karmische Vorbestimmtheit von Ereignissen – und danach haben alle Geschehnisse auf der Erde ihre Berechtigung - ist nicht unproblematisch und nimmt in der rechts-esoterischen Ideologie nicht nur geschichtsrevisionistische Züge an, sondern legitimiert nicht zuletzt die Shoah/Holocaust als karmisch-vorherbestimmtes und somit rechtmäßiges Ereignis.

Entsprechend der Annahme, dass es eine kosmische Ordnung gibt, die die Welt (und was unter Umständen noch darüber hinaus bestehen mag) als Ganzes betrachtet und erfahren werden muss, hat sich der Begriff der Ganzheitlichkeit etabliert. Die Widersprüche der Realität werden nicht durch dialektisches, kritisches Denken erklärt sondern durch das Prinzip der „Einheit der Gegensätze“ (Yin und Yang), das den Kampf als Triebkraft der Entwicklung (Marxismus, Materialismus) negiert.

Entsprechend des ganzheitlichen Weltbildes gibt es einen Glauben an eine natürliche Ordnung, die entsprechend dem Glauben an Karma und Vorherbestimmung die Gesellschaft nicht als historisches Produkt des Wirkens der Menschen sieht, sondern als vom Menschen zerstörten Urzustand. Wenn von einer idealen ursprünglichen Ordnung ausgegangen wird, so ist die Annahme, dass es natürliche Gesetze gibt, die es zu befolgen gilt, immanent. Das lässt sich gut mit dem oftmals vorherrschenden blinden Glauben an die Erkenntnisse des Meisters, des Guru, des Propheten und einer gott-oder-von-wem-auch-immer-gegebenen Hierarchie verbinden.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Darwin über die Ordnung der Natur und der Evolution wurden – entgegen seinem Willen – nicht nur in der Rassenkunde oder Blavatskys Wurzelrassentheorie, sondern auch in der Esoterik auf die menschlichen Gesellschaften übertragen. Diese werden nun wie ein Lebewesen, wie ein Organismus betrachtet: Daraus leitet sich zum einen eine Hierarchisierung von verschiedenen Kulturen in Beziehung zueinander ab, zum anderen wird das Bild des Organismus auf die eine Gesellschaft, die NATION, übertragen, so dass verschiedene soziale, politische und ökonomische Gruppen den Organen oder Körperteilen gleichgesetzt werden, ihnen bestimmte Rollen zukommen, sie sich entsprechend zu verhalten haben, damit der Gesamtkörper funktioniert und nicht erkrankt. Nicht-dazugehörige Elemente werden entsprechend dieser im NS zugespitzten Logik als körperfremde Parasiten klassifiziert und zur Ausrottung, zur Vernichtung zum Wohle und zur Gesundheit des Volkskörpers freigegeben.

Diese Annahmen der Natürlichkeit hierarchischer und ausschließender Ordnungen und die Ablehnung von Gleichheit und Selbstbestimmung setzte sich auch in Deutschland nach 45 fort,. Wir werden bei einem späteren ausführlichen Beispiel dorthin zurück kommen.

Auch übernommen aus den Ideen der romantischen Kulturkritik ist die ideelle Überhöhung matriarchaler Kulturen und Mystifizierung des Weiblichen. Auch dazu kommen wir später.

Funktion der Esoterik im Kapitalismus

Wir gehen davon aus, dass Esoterik eine Funktion im Kapitalismus erfüllt. Subjektiv gesehen bietet die Esoterik mit ihrer gängigen „Ratgeberliteratur“ Antworten auf offene Fragen, greift durchaus reale Bedürfnisse des Menschen nach Sinn auf und konstruiert diesen im kapitalistischen Gefüge:

[Bild 12] Die Energie des Geldes. Klappentext:

Warum ziehen einige Menschen das Geld magnetisch an, während es anderen ständig zwischen den Fingern zerrinnt?  Entwicklung spirituellen Geldbewusstseins durch Nutzung der dynamischen Energie des Geldes.

Historisch betrachtet kann man Esoterik als Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche deuten: Sie kam nach 1848, verbunden mit der konservativen Konterrevolution und dem Biedermeier auf, verstärkte und veränderte sich jeweils nach 1918, nach 1968, nach 1989/90.

Im heutigen Kapitalismus, dem sogenannten Postfordismus, brechen die tradierten Restbestände gesellschaftlicher Strukturen wie Familie, Glaube und Kultur auf und werden dem kapitalistischen Markt einverleibt und konsumierbar gemacht. Zum einen wird durch die Umstrukturierung der Produktions- und Reproduktionsweise Massenkonsum grundlegend für die Gesellschaft, da der Mensch unabhängig von den großen Familienbanden lebt. Durch das Aufbrechen der Geschlechterverhältnisse, durch die erkämpfte Bildung für alle geht auch die Eingliederung von Frauen in den produktiven Bereich als „innovatives Humankapital“ einher, d.h. sie werden verfügbar für den kapitalistischen Verwertungsprozess.

Esoterik ist der Bezug des Menschen auf sich als Subjekt, die Erhöhung, die Totalität der Subjektivität aufs absolute Innere und wird von vielen gerade als Verneinung von Konkurrenz und Verwertungslogik empfunden, ist letztendlich aber das genaue Gegenteil. Die totale Subjektivierung verneint, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.: Ich bin nicht mehr Subjekt und Objekt der Welt, nicht mehr Produkt meiner Umwelt und der Verhältnisse, sondern irgendwas übergeordnetes, habe einen wahren, inneren Kern, der von dieser Welt unbeeinflusst ist, und zu dem ich durch Meditation, Selbstfindung, Trance oder Rückführung in frühere Leben vordringen kann. Der Kapitalismus suggeriert dem Subjekt, dass es alle Möglichkeiten hätte, doch es ist letztlich immer das Objekt, das dem System dient. Während die kapitalistische Verwertungslogik nun nur das Objekt Mensch sieht, das seine Arbeitskraft verkaufen muss, sieht die Esoterik ein vermeintlich reines Subjekt. Der Mensch ist aber beides und Subjekt und Objekt stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Die Esoterik versucht, den realen und empfundenen Widerspruch, der zwischen der verdinglichten Welt und der vermeintlich abgespaltenen „entrückten Existenz einer anderen Welt“ besteht durch irrationales Denken zu überbrücken. Die Wirklichkeit als solche wird verneint oder im Sinne einer Übernatürlichkeit uminterpretiert. Dadurch, dass dieses von der Umwelt unberührte totale Subjekt Bezugspunkt ist, wird diesem Subjekt auch die Funktion als Einspruchsinstanz gegen das Bestehende abgesprochen bzw. als eigene Beschränkung selbst auferlegt. Da mein Kern nichts mit dieser Welt zu tun hat, muss oder sogar KANN ich auch nichts mit ihr zu tun haben, keinen Einfluss auf sie ausüben. So wird jegliches gesellschaftliche Handeln verweigert, gesellschaftlicher Wandel kann dann nur noch aus einem übergeordneten Kosmos oder Göttlichen kommen oder aus der subjektiven Innerlichkeit, wenn nämlich genug Individuen erleuchtet sind, um dem kosmischen Willen zum Durchbruch zu verhelfen, wie es im New Age gedacht ist. Oftmals wird gesellschaftlicher Wandel aber auch gar nicht unbedingt gewünscht, es geht für das totale Subjekt nur noch darum, dass es selbst mit der gegebenen Situation klar kommt. [Bild 13] Nicht die Gesellschaft ist das Problem, sondern mein Umgang mit ihr, wenn ich leide, dann bin ich selbst schuld, weil meine Einstellung dazu falsch ist, weil ich mich noch nicht genug von dieser Welt gelöst habe. Für die kapitalistische Verwertungslogik ist das natürlich super: Der Mensch hält still und spielt das Spiel mit, kauft sich noch diverse Ratgeberbücher und Schnickschnack, konsumiert fleißig und ist durch das gelegentliche Abdriften in andere Welten ruhig gestellt.

Beispiele (insg. Ca. 15 min)

Wir kommen nun nach diesem doch sehr theoretischen Teil zu zwei Beispielen: das erste ist die sogenannte Regenbogen – oder Ökopaxbewegung von Rudolf Bahro (1935-97) [Bild 14]

Die stärkste Bewegung der Esoterik nach 45 fasst sich zusammen unter dem Label „New Age“ und ist durch die US-Hippiebewegung geformt. Ähnlich wie Oswald Spengler 1918 (?) mit dem Buch „Der Untergang des Abendlandes“ eben diesen prognostizierte, geht „New Age“ von dem Ende eines Zeitalters und dem Beginn eines neuen – nämlich dem des Wassermannes – zum Beginn des 21.Jh. aus So wird meist eine existenzbedrohende gesellschaftliche Krisensituation diagnostiziert, eine globale Katastrophe kommen gesehen, die ein weltweites Umdenken erfordert, das aber entsprechend der Prämisse der Innerlichkeit und Eigenverantwortlichkeit persönliches, individuelles und kein kollektiv-organisiertes, also politisches Umdenken ist.

Betrachten wir die heutige Umweltsituation ist es nicht sooo übertrieben, von einer kommenden globalen Katastrophe auszugehen, doch hakt es bei New Age-Theorien schon bei der Diagnose der Ursachen, ganz zu schweigen von den zu verschreibenden „Therapien“ oder Rettungsversprechen. Gesellschaftlich war ein Grossteil der Linken von 68, insbesondere der Friedensbewegung nah oder identisch mit einer Öko-Bewegung, die um 1980 mit der Verbreitung von Katastrophenszenarien noch mal Anschub erfuhr, während die politischen und sozialen „Klassenkämpfe“ der 1970er am abebben waren. So finden sich gerade bei der Symbiose von Esoterik und Umweltschutzgedanken viele „ehemals Linke“, die gruselig weit nach rechts gewandert sind. Zu ihnen zählen u.a. Rainer Langhans (Ex-K1) und Rudolf Bahro (1935-97), um dessen theoretische Auswüchse es hier exemplarisch gehen soll.

Bahro war bis 1979 in der DDR zum prominentesten linken Oppositionellen aufgestiegen, dann führender Politiker, bald schon führender Dissident der Grünen in Westdeutschland (er trat 1985 aus), 1989 zurück nach "Ostberlin", wo er sogar das "Institut für Sozialökologie" an der Humboldt-Uni aufbauen durfte. Nebenbei gründete er noch eine 1-2 Landkommunen und schrieb einige Bücher, das bekannteste und gleichzeitig abstruseste und gefährlichste die Logik der Rettung von 1987, mit dem er vollständig seine Wandlung vom Marxisten zum "spirituellen" Ökologen beendete. Zuvor hatte h neuen Erfahrungsbereichen wie Yoga, Bioenergetik und Meditation geöffnet und regen Kontakt zu Baghwan [Bild 15] (Sektenführer in USA, der sich dann Osho nannte) und dessen Kommune.

Für Bahro ist - wie in der Esoterik üblich - nicht die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft schuld, sondern das eigentliche Problem ist immer das menschliche Herz. Die Umwelt-Krise ist demnach Ausdruck unserer ganz persönlichen Innenwelt-Krisen. Bahros Credo heißt:

"Mit der Einsicht in die Mitverantwortung für die Selbstzerstörung fängt ein politisches Verhalten, das rettend sein kann, gerade an".

Bahro meint, wir hätten jetzt die "Halbzeit der Evolution". Nun sei eine "anthropologische Revolution", ein "Bewußtseinssprung" nötig. Bahro geht es in Abgrenzung zu den Grünen nicht um den Ausbau von Vogelschutzgebieten und die Erhaltung von Feuchtbiotopen. Er kommt zu der Annahme, dass nur ein radikaler Ausstieg aus der Industriegesellschaft, die nach ihm in die Logik der Selbstausrottung hineingeraten ist, ein wirklicher Ausweg sei. Umweltschutz ist demnach nicht ausreichend, sondern nur eine nichtsnutzige Reform des zum Scheitern verurteilten parlamentarisch-demokratischen Systems. Für ihn ist nämlich dieses heutige politische System im Prinzip wie die Weimarer Republik- und wie sie unfähig, auf die Krise (damals sozial, heute ökologisch) zu reagieren. So wie Hitler die Konsequenz aus der Unfähigkeit der Weimarer Republik war, so muss auch heute ein Führer ran. in einem Interview 1992:

„In der jetzigen Weltsituation wäre echte Autorität wichtig. Jetzt zu sagen, wir machen Basisdemokratie, unter uns Wölfen, ist Schickimicki.“

Allerdings muss eine Autorität ran, die nicht die gleichen Fehler macht wie Hitler, denn schließlich sei ja die

„Ökopax-Bewegung die erste deutsche Volksbewegung seit der Nazibewegung.  Sie muss Hitler miterlösen“.

[Bild 16] Er glaubt an die Chance jeder Krise und an die Lernfähigkeit der Deutschen und meint, eine neue deutsche Bewegung könnte zu etwas Besserem führen als die alte. Bahro bekennt sich offen zum Nationalsozialismus, was dessen "spirituelles Erbe" angeht. Das ist die Naturalisierung von Herrschaft und das mit der Autorität heißt auch, dass Gut und Böse wie Yin und Yang in einem sind. Alles hat halt zwei Seiten, wie der NS, so auch die neue Regenbogenwelt von Bahro. Und in der gottgegebenen Ordnung, die in der heutigen Zeit so weit gestört ist, dass die überbevölkerte Welt kurz vor der Apokalypse steht, haben halt auch bestimmte unnütze Menschen keinen Platz. Für ihn, wie auch für Rainer Langhans, auf dessen Diktion vom „Bruder Hitler“ er sich bezieht, müssen wir von Hitler etwas lernen.

Wir müssen die damalige wie heutige „gerechtfertigte “ „Kritik an Verstädterung, Maschinisierung, Rationalisierung und Verwissenschaftlichung“ übernehmen. Die Kritik (vorher Lebensreform- und Jugendbewegung) konnte von einer auf den technischen Fortschritt und rationale Aufklärung setzenden KPD nicht aufgenommen werden“, sondern eben von den Nationalsozialisten. Alllerdings dürfe sich eine neue Nazi-Bewegung nicht wieder auf das „imperialistische Instrument“ reduzieren lassen, die sie damals geworden sei. . (lgk 396/397)

Bahro schafft hier selbst den Zusammenhang, den wir mit dem kurzen historischen Abriss der Esoterik darstellen wollten: Die Themen der neo-romantischen Materialismuskritik sind die gleichen wie heute, konservative, reaktionäre Kapitalismuskritik. Auch der Kommunegedanke ist erstens nicht neu und zweitens nicht wenig attraktiv für die Linke. So wird noch mal deutlich, warum eine Linke, die von den Kommunistischen Gruppen der 70er und frühen 80erJahre und dem Zusammenbruch des Realsozialismus enttäuscht ist, zu Bahros Rekrutierungsfeld wird.

Bahro hat LdR übrigens Ulrike Meinhof gewidmet, Gedicht am Ende zweifelt ihren Selbstmord an….!!!

Bahros positiver Bezug auf das deutsche Volk mit seinen vorchristlichen Traditionen und seiner NS-Erfahrung, seine Verquickung von Umweltschutzgedanken, „Kapitalismuskritik“, Organizismus und Irrationalismus nehmen so – wie sollte es anders sein… – auch strukturell antisemitische Züge an, wenn er von der Verschwörung des Finanzkapitals schwafelt usw.

Bahro hat auch grundlegend zum spirituellen Ökofeminismus beigetragen, auf den jetzt, aber anhand anderer Beispiele Olli weiter eingehen wird:

Spiritueller Ökofeminismus

[Bild 17] Die feministische Debatten der letzten Jahre spalten sich im Wesentlichen in zwei verschiedene Ansätze auf. VertreterInnen des Dekonstruktivismus im Sinne des „doing gender“ Judith Butlers sind bemüht Geschlechterhierarchien und heteronormative Verhaltenweisen entgegenzuwirken, in dem sie Geschlecht bzw. Gender als soziale Konstruktion entlarven und zurecht deren Abschaffung bzw. Auflösung fordern; die Queer-Bewegung steht u.a. in dieser Tradition.

Die Betrachtung der sozialen Realität hingegen ist weiterhin Anknüpfungspunkt traditionell ausgerichteter feministischer Strömungen: Geschlechterdifferenz als soziale Tatsache in der alles in allem immer noch Männer-dominierten Gesellschaft zieht die Notwendigkeit einer starken Frauenbewegung nach sich, die versucht mit spezifisch frauenbezogenen Qualitäten, Organisationen und Netzwerken dem patriarchalen Mainstream entgegenzuwirken.

Dass beide Ansätze ihre Berechtigung wie auch ihre kritischen Punkte haben soll hier nicht weiter thematisiert werden. Es soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass emanzipative Frauenbewegungen, ebenso wie ökologische Bewegungen, in Folge der 68er einen großen Zulauf fanden. Dass das Ende des Patriarchats in den darauffolgenden Jahren dann wohl doch etwas auf sich warten ließ, brachte einen Teil der Bewegung, die dem Differenzansatz zuzuordnen war dazu, sich nach Alternativen für den Kampf um frauenspezifische Werte umzusehen.

Ausgangspunkt für den spirituellen Ökofeminismus ist im Sinne C.G. Jungs Archetypenlehre die Annahme eines „Archetypus der wilden Frau“, die eine weibliche Schöpferkraft, ein weibliches Urwissen besäße. In dieser Urkraft seien die Wesenszüge einer „Urfrau“, bzw. einer „universellen Mutter“ enthalten. Diese Ansichten, zu lesen u.a. in dem zum Klassiker avancierten Buch „Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“ von Clarissa Pinkola Estés finden ihre wissenschaftliche Entsprechung in der sogenannten Matriarchatsforschung. Diese geht davon aus, dass es in vor-patriarchaler Zeit Gesellschaften gab, in denen die politische und soziale Herrschaft bei den Frauen lag. Der Grundstein für die Matriarchatsforschung wurde bereits im 19. Jh. vom Juristen und Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen gelegt. In seinem Hauptwerk „Das Mutterrecht“ behauptet er, die menschliche Urgesellschaft sei ein intuitives Matriarchat gewesen, das erst vom rationalen Patriarchat entmachtet worden sei. Die heutige Matriarchatsforschung greift diese Annahme auf. Neben den für Frauen besseren Sozialstrukturen im Matriarchat sei zudem insbesondere der Glaube an eine „Große Muttergöttin“ prägend gewesen. Diese „große Mutter“ findet ihre Entsprechung in der „Mutter Natur“ und ist sinnbildlich zu verstehen für die Zyklen (Werden – Sein – Vergehen) eines kosmischen Weltbildes. Die Urkraft der Frau basiere somit auf der natürlichen, göttlichen Verbundenheit mit der Natur, dem kosmischen Ganzen. Oder andersherum formuliert: Der Natur liegt ein grundsätzlich weibliches Prinzip zugrunde, welches ihren Ausdruck in der Natur der Frauen findet.

Die Matriarchatsforschung liefert die wissenschaftliche Legitimation für die Wiederentdeckung und Wiederbelebung angeblicher weiblicher Traditionen (z.B. Heide Göttner-Abendroth (Frauennobelpreisnominierung 2005) und ihre Akademie „Hagia“). Ganz im Sinne esoterischer Ethno-Romantisierung vermeintlich indigener Kulturtechniken gelten auch in der Matriarachatsforschung angeblich noch ursprünglich lebende Gesellschaften als Vorzeige-Beispiele.

Die Verbesserung der Situation für die Frauen der Welt wird dem spirituellen Ökofeminismus zufolge nun dadurch erreicht, dass Frauen in einem nach innen gerichteten Prozess ihre wahre Natur, die weiblichen Spiritualität und natürliche Göttlichkeit wieder entdecken.

[Bild 18: Die weibliche Göttlichkeit „entdecke die Göttin in dir“]

Auch Feminismus und Ökologie sind Fritjof Capra, einem populären Vertreter der neuen Esoterikbewegung, zufolge eng miteinander verbunden:

„Der spirituelle Gehalt der ökologischen Weltanschauung findet seinen idealen Ausdruck in der von der Frauenbewegung befürworteten feministischen Spiritualität – was angesichts der naturgegebenen Verwandtschaft zwischen Feminismus und Ökologie, die in der uralten Gleichsetzung von Frau und Natur wurzelt, zu erwarten ist.“ (Fritjof Capra 1986: Wendezeit, S. 469)

Unterstützung erhält der spirituelle Ökofeminismus insbesondere durch New-Age Bewegungen. Die Erwartung des neuen Zeitalters geht einher mit der Hoffnung des kosmischen Ausgleichs der Welt durch das „weiblichen Prinzip“. Auch hier liegt eine dualistische Vorstellung der Existenz typisch männlicher Eigenschaften (z.B. Wettbewerb, Machtausübung, Expansion und dergleichen) und typisch weiblicher Eigenschaften (z.B. Zusammenarbeit, Fürsorge, Demut, Friedfertigkeit) zugrunde. Da das gerade ausgehende Fischzeitalter absolut Männer-dominiert war, spielen Frauen als „natürliche“ Trägerinnen der weiblichen Eigenschaften und Werte eine wichtige Rolle in der Erwartung des neuen Zeitalters. Der Wechsel zum Yin- also weiblich dominierten Wassermannzeitalter stellt somit die Lösung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme dar.

 Beispiel für die Wende (Capra): Frauen hätten bereits in den entscheidenden gesellschaftlichen Bereichen die Führung übernommen.

Wie das genau funktioniert? Die Emporhebung der Frau zum Göttlichen sowie die Teilhabe am kosmischen Weiblichen leistet die Verdrängung von Missständen und/oder Leiden. Soziale Veränderung erfolgt somit nicht mehr durch gesellschaftliche Gestaltung, sondern durch die Orientierung der Gesellschaft an „der Natur“, am Kosmos, am weiblichen oder göttlichen Prinzip, zu dem mensch sich selbst transformiert hat. Im New Age werden vielmehr die Unterdrückungsverhältnisse negiert: Wir sind demnach selbst schuld an ungerechten und unmenschlichen Verhältnissen. „Weiblichkeit“ in diesem Kontext wird somit zum alle Gesellschaftsbereiche bestimmenden Prinzip. Dieses haben auch spirituelle Führer wie Bhagwan alias Osho erkannt. Ihm zufolge entsteht wahre Freiheit und Erlösung des Menschen nur dadurch, dass gesellschaftliche Widersprüche und eigenständiges Denken einer „inhaltlosen Bewusstheit“ weichen, in der sich in letztlich stumpfer Weise den Gegebenheiten unterworfen wird. Diese spezifische weibliche Eigenschaft müsse der „neue Mensch“ sich zu eigen machen, womit er Frauen und auch Männer gleichermaßen anspricht. Dass die von ihm erklärte Natur der Frau nicht zuletzt Ausdruck und Folge patriarchaler Unterdrückung ist, in der die Möglichkeit von Frauen, ihr Leben selbst zu bestimmen, von vorne herein gedeckelt wird, scheint Bhagwan wenig zu stören. Im Gegenteil: er macht daraus vielmehr eine Tugend. Der Mann wird somit ebenso zum Opfer des Systems. Die Emanzipation der Frau geht einher mit der Emanzipation des Weiblichen im Manne. Wenn der Mann das weibliche Prinzip auch für sich annimmt, können sich beide Geschlechter frei machen von Herrschaft, Gewalt und Unterdrückung.

Hinter all diesem steckt dieselbe einfache Logik wie bereits zuvor gesehen: Die Widersprüche des kapitalistischen Systems können überwunden werden, in dem sie einfach nicht beachtet werden. „Bedingungsloses Tun“ unter dem Deckmantel einer natürlichen Weiblichkeit wird zum erlösenden Prinzip erkoren. Anpassung an das System ist die Devise, eigenständiges kritisches Denken und kollektive Selbstbestimmung sind dem Funktionieren des Systems abträglich.

Widerspruch zur traditionellen Form des Buddhismus!

Analyse der Beispiele

(insg. Ca. 10min) [Bild 19]

Anhand der Beispiele ist vielleicht schon deutlich geworden, dass Esoterik eine Vielzahl verschiedener Ideologien vermischt. Dies ist ein Hauptmerkmal esoterischer Strömungen: an allen Ecken wird sich bedient, egal ob es sich um politische und/ oder wissenschaftliche Theorien handelt, oder um Glaubenssysteme: Was gerade in das jeweilige esoterische „System“ passt, wird aus seinem Kontext herausgelöst angewandt. Dies macht Esoterik so flexibel für individuelle Bedürfnisse, aber darin liegt auch ihre Hauptgefahr. Menschen können esoterische Praktiken durchführen, und diese auf ihre Bedürfnisse hin oft eindeutig begründen. Auf der anderen Seite wissen sie oft nicht um den Kontext in dem sie sich ideologisch, oder auch rein personell, bewegen und sind dadurch anfällig insbesondere für rechte/konservative Ideologien, die sich durch die gesamte esoterische Ideologie ziehen. Insbesondere für Linke, die sich in esoterischen Kreisen bewegen (und davon gibt es nicht wenige...) sollte sich die Frage nach der Vereinbarkeit ihrer politischen Inhalte mit esoterischer Praxis stellen. Im folgenden wollen wir etwas gezielter aufschlüsseln, welche Inhalte esoterischer Ideologie Überschneidungspunkte mit linkspolitischen Inhalten auf der einen, und mit konservativen bis rechtsextremen Inhalten auf der anderen Seite bieten.

Der Differenzansatz in der Frauenbewegung hat weiterhin seine Berechtigung und eine nicht unerhebliche Bedeutung in Fragen der politischen Gleichstellung der Geschlechter. Im spirituellen Ökofeminismus wird die Geschlechternorm allerdings in unkritischer Weise ins Extrem getrieben, anstatt sie zu hinterfragen. Die anscheinend so wichtige Funktion des „weiblichen Prinzips“ dient der Manifestierung von Geschlechterstereotypen, denen männliche Interessen zugrunde liegen, und Frauen ihre bereits erkämpften Rechte wieder abspricht.

Nicht wenige Frauen aus der 68er-Bewegung haben sich spätestens in den 80ern auf die Suche nach ihrer weiblichen Spiritualität begeben. Das Private dieser politischen Frauenbewegung, welches zur Aufdeckung von Machtverhältnissen genutzt werden sollte, wurde nun mehr aus dem politischen Betrieb herausgenommen und bleibt fortan am Herd und im Wohnzimmer. Die vermeintliche Natürlichkeit der Weiblichkeit führt gerade nicht zu einer Emanzipation vom Mann, sondern stützt vielmehr die patriarchalen Verhältnisse. (Bezeichnend in diesem Kontext ist auch, dass gerade die Gurus, Schamanen, und sonstigen spirituellen Führer, die den Frauen den Weg zum kosmischen weiblichen Prinzip eröffnen, fast durch die Bank Männer sind.) Wir wollen sicherlich nicht die Rückkehr zu den tradierten Familien- und Geschlechterverhältnissen, aber zum einen muss sich bewusst gemacht werden, dass die Emanzipation und Gleichberechtigung nur bis zu einem gewissen Grad stattgefunden haben und halt nur so weit, wie es der kapitalistischen Verwertungslogik dient. Zum anderen wäre eine Emanzipation von Frauen - und Männern und allen überhaupt – anzustreben, die weitergehend zu denken wäre.

Die biologistische Auffassung der Gleichsetzung von Frauen und Natur ist allerdings nicht nur ein Phänomen, welches in der 68er-Folge Bedeutung fand. Auch heute hält sie Einzug in aktuelle linke Fragestellungen. So gab es erst Ende letzen Jahres eine Veranstaltung in einer inzwischen nicht mehr existenten linken Berliner Szenekneipe von radikalen TierrechtlerInnen, in der über das Ende der patriarchalen Unterdrückung von Frauen UND Tieren gleichermaßen philosophiert wurde. Die Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen und Tieren wurde dabei weitestgehend gleichgesetzt so als ob Frauen genauso wenig Bewusstsein und Handlungsmöglichkeiten hätten wie Tiere.

Auch die Ökobewegung hat bis heute Verbindungen zur esoterischen Szene. Die Suche nach alternativen Lebensformen, wie z.B. durch Gründung von Land-Kommunen [Bild 20], hat ihre Anfänge in der esoterischen Bewegung um 1900. Zu alternativen Lebensformen zählen sicherlich auch die in Deutschland zahlreich vorhandenen Waldorfschulen, die in ihren Statuten weiterhin die rassistische Ideologie der Anthroposophie Rudolf Steiners vertreten.

Auch wenn der Einkauf in Bioläden gemeinhin als politically correct gilt: zum einen sind diese letztlich auch nur Teil des kapitalistischen Produktionsprozesses, zum anderen müssen bestimmte Biomarken wie Demeter und Weleda auch in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. Dies soll jetzt nicht bedeuten, dass der Einkauf in Bioläden per se schlecht ist, mir persönlich schmeckt Bio-Essen auch besser. Aber letztendlich, um an dieser Stelle auch mal den guten Adorno zu zitieren, sollte immer bedacht werden, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt.

Wo wir gerade bei der Öko-Linken sind [Bild 21]: Das Interesse an der Natur sowie an den vermeintlich unverdorbenen „Naturvölkern“ im globalen Süden (z.B. Ethnoschmuck, Ethnoart, Schamanismus, Indien-Hype....) kann zwar ganz nett sein, muss aber genauso reflektiert werden. Ethno-Romantik und Rassismus gehen fliessend ineinander über. Wenn ich davon ausgehe, dass sich an einem anderen Ende der Erde eine heile, ursprüngliche Kultur finden lässt, dann spreche ich den TrägerInnen dieser Kultur ab, reflektierte Menschen zu sein, die eben wie ich als WestlerIn kritisch mit den globalisierten Gegebenheiten umgehen können. Sie sind entweder ausschließlich Opfer von Kolonialismus und Globalisierung und müssen paternalistisch geschützt werden, oder sie sind gleich Teile einer aussterbenden Rasse, die entsprechend der Sinnhaftigkeit aller kosmischer Karma-Zusammenhänge sowieso keine Daseinsberechtigung haben oder– wie Blavatsky es schreibt:

Eine „Dezimierung“ „niederer Rassen“, wie es z.B. durch den Kolonialismus geschieht, ist Teil des Karmas dieser Rasse, „ihr Verlöschen daher eine karmische Notwendigkeit“.

Ebenso ist der Antisemitismus integraler Bestandteil der Theosophie, viel stärker noch der Ariosophie bis hin zum Vernichtungsantisemitismus. Im neuen rechten Denken sind ebenso wie in linker Kapitalismuskritik viele Verschwörungstheorien zu finden, die von einer Fremdsteuerung der eigenen Gesellschaft durch das heimatlose Kapital und/oder zionistischen Geheimbünden ausgehen. Es ist nicht nur die aufgezeigte historische und damit auch oftmals personelle Kontinuität, die die Esoterik mit faschistischem, rassistischem und antisemitischem Gedankengut verbindet, sondern es sind oftmals grundlegende übereinstimmende Konzepte. Das ist bei Bahros Äußerungen zu Hitler offensichtlich, manchmal aber bedarf es der näheren Analyse, um die Ähnlichkeiten festzustellen. Aufschluss gebend ist die Betrachtung der Rechten, die oft gar nicht so unesoterisch ist: Es wird geträumt von einem neuen – neo-faschistischem – Zeitalter, die Natürlichkeit von Herrschaft und Hierarchien wird betont, der Bezug auf deutsche Volk oder die europäischen Völker – und jedes hat seinen natürlichen Lebensraum - ist absolut positiv. Auf nicht wenigen Internetseiten wie dem Buchversand Andromeda werden neben Büchern über Atlantis, über UFOs, die wildesten Verschwörungstheorien auch alte faschistische Literatur angeboten und Bücher von Holocaust-Leugner David Irving vertrieben. Auf der Seite bin ich über einen Beitrag zu Katherine Tingley gestolpert, die als zweite Nachfogerin von Blavatsky gilt und in Bezug auf eine andere Person der Theosophie erwähnt wird. Folgendes Zitat von der Seite Andromeda-Buecher.de komprimiert schön die Vermischung von „ursprünglicher“ Theosophie und Neonazischeiße:

Katherine Tingley, (…) ist daher in besonderer Weise mit dem Schicksal Deutschlands verbunden, auch wenn ihr Hauptwunsch eines theosophischen Weltzentrums und einer Mysterienschule in Deutschland, verbunden mit einem umfangreichen Bücherarchiv,(…) damals nicht in Erfüllung gehen konnte. […]Den Impuls jedoch, den Grundstein für Deutschlands Erwachen, den hat sie gesetzt und die Verbindungskette geschmiedet. Heute steht Deutschland - wie so oft in seiner tausendjährigen Geschichte - vor seiner vollständigen biologischen, seelischen, geistigen, wirtschaftlichen, moralischen Vernichtung durch die von HPB und Paracelsus angekündigte jüdisch-jesuitische Talmud-Fremdherrschaft.

So gibt es diverse Gruppen und Strömungen, die aus Theosophie, Rassenkunde, heidnischer Religion und Faschismus gleichermaßen schöpfen. Das Thule-Seminar z.B.[Bild 22], angesiedelt in Kassel, versteht sich nach eigener Aussage als "geistig-geschichtliche Ideenschmiede für eine künftige europäische Neuordnung aller europäischen Völker unter besonderer Berücksichtigung ihres biokulturellen und heidnisch-religiösen Erbes". Es kann als rechtsextreme Intellektuellen-Gruppe der "Neuen Rechten" zugeordnet werden [Bild 23].

Daneben gibt es noch den Armanen-Orden, Vetreter der Ariosophie (Motto: Arier aller Länder vereinigt euch), der in direkter Kontinuität zum NS steht und sich als heidnische Religionsgemeinschaft, Hüter der germanischen und keltischen Traditionen, der europäischen Kultur und der weissen Rasse versteht. Es zeigt sich, dass gerade die unpolitischen Gruppen von den rechtsextrem ausgerichteten, wie dem Armanen-Orden, instrumentalisiert werden können. Inwieweit die „Heidenszene" dürfte über den AO „rechts" unterwandert ist, lässt sich schwer sagen [Bild 24], treffen tun sie sich aber oft, nicht zuletzt an „spirituellen Orten“ wie den Externsteinen. [Bild 25]

Neben der seit 1907 fast kontinuierlich bestehenden Germanischen Glaubensgemeinschaft gibt es z.B. auch noch die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft, die 1946 von inhaftierten Nazi-Grössen gegründet wurde, um unter dem Deckmantel der Religion weiter nazistisch-religiöse Ideologie verbreiten zu können. Sie unterhält auch Kontakte zu Osho/Baghwan.

Zu erwähnen sein hier auch noch Bert Hellinger [Bild 26], geboren 1925, der Guru/ die Koryphäe der „systemischen Familientherapie“. Seine Therapieform der Familienaufstellung ist seit den 1990er Jahren über die Eso-szene hinaus extrem angesagt. In seinen Büchern, Texten und Interviews sind die Rollenverteilung innerhalb von Familien / „Sippen“, sowie der Umgang mit Inzest und sexuellem Missbrauch Schwerpunkte seines Ansatzes. Dennoch liegt dem ein rechtes Welt- und Gesellschaftsbild zugrunde, das auch er selbst auf geschichtliche und politische Prozesse überträgt.

Die „Sippe“ ist bei Hellinger eine unantastbare Einheit innerhalb der kosmisch-göttlichen Ordnung, in der selbst eine universelle Ordnung herrscht. Psychologische Probleme der Ratsuchenden sind immer durch die Störung dieser Ordnung zu erklären: ein „Sippenmitglied“, in den meisten Fällen die Mutter oder eine andere Frau hat gegen die Rangordnung verstoßen. Durch das Akzeptieren ihrer natürlichen Rollenverteilung, durch das Erkennen der eigenen Position in der familiären und göttlichen Ordnung sind die Hilfesuchenden zu therapieren. Sie müssen sich auch der autoritären Führung des Therapeuten unterwerfen, der ihnen die Fähigkeit abspricht, ihre Lebensverhältnisse selbst zu erklären und zu reflektieren und dann zu ändern. Die Befreiung aus schädigenden Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen und die Entwicklung eigener Fähigkeiten ist nicht das Ziel Hellingerscher Therapie.

In Bezug auf Vergewaltigung sind Täter letztendlich keine individuell Handelnde sondern Spielball von etwas Größerem. Täter und Opfer müssen ihre Position annehmen, was so weit geht, dass die Vergewaltigte im Nachhinein die Vergewaltigung gutheissen, eigene Größe durch Dankbarkeit gegenüber dem Täter beweisen solle, indem sie sich bei der Familienaufstellung bei dem Stellvertreter bedankt und/oder sich vor ihm verbeugen und „Ich gebe dir die Ehre“ sagen muss.

Hellinger überträgt sein Konstrukt der natürlichen Ordnung von Sippe auch auf die Shoah und andere politische Ereignisse: In Bezug auf den NS und mordende Neonazis sagte Hellinger:

„Auf der Ebene von: ‚Da muss man doch was machen, das darf doch nicht mehr passieren’ herrscht die Vorstellung, als hätten die Täter selbstbestimmt gehandelt.

Also: Dieser Betrunkene hat das gemacht, oder Eichmann hat die Judenvernichtung organisiert. Ich gehe da auf eine andere Ebene: Ich sehe sie alle auf einer Ebene von Schicksal, das alle handeln lässt. Jeder ist ausgeliefert.“

Wer gegen seine Berufung, und sei es die des mordenden Wehrmachtsoldaten rebelliert und sich diesem Sippen- oder Volksschicksal verweigert, begeht nach Hellinger eine große Schuld.

Letztendlich geben die wenigsten Gruppen oder Strömungen ihre personelle oder ideologische Nähe zu den Nazis zu. Entsprechend der Prämisse, dass ja alles auf Erfahrung und Erleuchtung beruht, dass es eine unwissenschaftliche universelle Wahrheit gibt, sind Diskussionen über rechte Inhalte mit EsoterikerInnen schwer zu führen. Nicht zuletzt die Anthroposophische Gesellschaft hat sich lange, trotz Drucks von Aussen und Innen – also eigenen Mitgliedern – dagegen geweigert, den Rassismus und Antisemitismus von Rudolf Steiner und die mögliche Kontinuität in der Verbreitung seiner Lehre aufzuarbeiten.

[Bild 27]

Fazit (ca. 5min)

Die zahlreichen Verbindungen zwischen rechter Ideologie und esoterischer Geschichte und Praxis lassen es zunächst einmal zumindest fragwürdig erscheinen, ob ein linkspolitischer Anspruch mit esoterischen Inhalten vereinbar ist. Wie wir versucht haben zu zeigen, muss eine Analyse allerdings noch weiter gehen.

Gesellschaftliche Veränderung kann nur stattfinden, in dem die Individuen, wie auch die Gesellschaft, sich immer wieder selbst kritisch hinterfragen. Dieses bedeutet auch, sich immer wieder seiner widersprüchlichen Position als Subjekt sowie gleichermaßen als Objekt im kapitalistischen System zu stellen. Dieses sind unserer Ansicht nach wesentliche Aspekte einer emanzipatorischen Politik. Im esoterischen Weltbild wird aber genau das nicht getan: Kritisches Hinterfragen seiner eigenen Position im dialektische Zusammenhang mit den den gesellschaftlichen Verhältnisse ist in diesem Weltbild nicht erwünscht. Die Individuen sollen sich vielmehr auf sich selbst konzentrieren. Esoterik ist also in allen Bereichen, von dem organizistischen Weltbild über die Naturalisierung eines sogenannten weiblichen Prinzips bis hin zur systemstützenden Integration in das kapitalistische System, unemanzipatorisch, und daher nicht mit linker Politik vereinbar. Esoterik und linke Politik schließen sich also aus: Wer linke Politik betreiben, also die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern will, kann keine esoterischen Inhalte vertreten, da diese einer Veränderung des Systems entgegenstehen und entgegenwirken. Wer auf der anderen Seite ein esoterisch geprägtes Weltbild vertritt, nimmt sich selbst damit jegliche Möglichkeit politischer Einflussnahme an den Verhältnissen, da er oder sie nur auf das persönliche Seelenheil fokussiert ist.

Die Gefahr esoterischer Ideologie sollte ernst genommen werden, denn die Widersprüche des Systems, in dem wir derzeit leben bleiben weiterhin vorhanden. Irrationale Weltanschauungen sind ein leichter aber äußerst effektiver Weg diese Widersprüche zu umgehen. Insbesondere eine Linke hat die Schwierigkeit, sich immer wieder der Dialektik des kapitalistischen Systems stellen zu müssen: Die Verhältnisse einerseits ändern zu wollen, andererseits im Kapitalismus leben zu müssen, in dem Wissen, ihn in seinem/ihrem eigenen Leben nicht überwinden zu können. Letzteres führt bei vielen Menschen (nicht nur Linken) zu der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben und macht sie anfällig für irrationale Weltanschauungen. Um Kapitalismuskritik und gesellschaftliche Veränderung sinnvoll voranzutreiben, müsste sich eine Linke deshalb auch diesem Phänomen zuwenden.

Linke Politik ist aber primär an der Totalität der Gesellschaft orientiert; Kritik an den Verhältnissen wird oft anhand abstrakter Theorien geführt, die sich meist auf die Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung konzentrieren. Um der Gefahr esoterischer Vereinnahmung entgegen treten zu können wäre es demnach nötig, die Subjektpositionen der einzelnen Individuen in der Gesellschaft mit in eine kritische linke Analyse einzubeziehen. Die einzelnen Bedürfnisse der Menschen müssten mit einbezogen werden in die Frage danach, wie emanzipative Politik sinnvoll betrieben werden kann.

Vielleicht wird sich nun am Ende für den einen oder die andere die Frage stellen, ob wir nicht alle ein bisschen Eso sind? Wir haben für uns auch keine abschließenden Antworten auf die Fragen gefunden, ob und wo wir unser Bioessen kaufen und welche Form der Entspannungsmassagen oder Heilmethoden wir gutheißen oder nicht. Um so wichtiger ist es, die Widersprüche nicht zu ignorieren, sondern auszuhandeln. In diesem Sinne, vielen Dank fürs zuhören und die Diskussion ist eröffnet. [Bild 28]